E-Meeeeehl
Die Möglichkeit kleine elektronische Nachrichten oder ellenlange Briefe auf elektronischem Wege in Sekunden über den halben Erdball zu schicken, macht mit Sicherheit einen großen Teil der Online Faszination aus. Tante Helga kann ihrem lieben Neffen Rudi aus Amerika den aktuellen Klatsch aus Cloppenburg und Umgebung zuschicken, mächtige Konzernchefs tauschen wichtige Strategiepläne aus. Gewaltige Datenmengen werden jeden Tag über den Globus verschoben.
Da fragt sich der unbedarfte Durchschnittsmensch: „Was schreib’n die alle???".
Subj.: Ich bin heute voll gut drauf!!!! |
Diese hervorragende Mail hat eine Länge von 359 Zeichen... die eigentliche Nachricht ist nur zwei Zeilen lang und besteht aus 41 Zeichen! Der unbedarfte Durchschnittsmensch wird sich nun an den Kopf greifen und nachdenklich seinen Hinterkopf kratzend sagen: „Das is’ doch wohl a Schwachsinn, oder?"
Der begeisterte Onlinefreak kommt nun in arge Bedrängnis, da er dem unbedarften Durchschnittsmensch nun den tieferen Sinn dieser Mail erklären muß. Man will schließlich vermeiden, daß die 98 Prozent der Bevölkerung, die noch keinen Internet Anschluß haben, irgendwie denken können, daß E-Mails vielleicht ein wenig schwachsinnig sein können.
Die ersten drei Zeilen unseres schönen Beispiels sind ja unvermeidlich. Irgendwoher muß der Empfänger wissen woher die Post kam und was der Inhalt der Mail ist. Überlegen lächelnd kann der Onlinefreak also sagen, daß die ersten 99 Zeichen sehr wichtig - ja geradezu essentiell - sind. Eine kurze Begrüßung leitet zum eigentlichen Teil der Mail über. Allgemein üblich ist ein freundliches „Hallo" oder „Hi". Blumige Gemüter tendieren von Zeit zu Zeit auch zu einem verschmitzten „Hallöchen". Etwas zu kurz angebunden ist das eher nordische „Tach" oder das rebellische „Hey". Das hinzufügen eines begeisterten „!" am Ende der Begrüßung kommt jeweils auf die aktuelle Stimmung an. Die 10 Zeichen für die kleine, freundliche Einleitung sind also gut investiert. Der unbedarfte Durchschnittsmensch nickt verständnisvoll und der Onlinefreak kann seine Ausführungen fortsetzen.
Die eigentliche Nachricht diese Mail läßt jedoch erste glänzende Schweißperlen auf der Stirn des Onlinefreaks erscheinen, als er erklären
muß, daß „Ich bin heute voll gut drauf! Schreib mal was!!!!" der gesamte Inhalt der Mail war... Vom unbedarften Durchschnittsmenschen vernimmt man nur ein etwas abfälliges „Aha". Er kann scheinbar nicht verstehen, daß man für die Übermittlung solch geistigen Tiefsinns Tausende Kilometer Kupfer- und Glasfaserkabel kreuz und quer über den Globus verlegt. Mit einem resignierten Seufzer erinnert sich der Durchschnittsmensch jedoch an die letzte Rede eines bekannten Fraktionsvorsitzenden einer ebenfalls bekannten Partei. Jene einstündige Rede hatte auch nur die Aussagekraft von Kaffeesatz. Diese E-Mail ist in ihrer Sinnlosigkeit wenigstens relativ
kompakt und der Verfasser bekommt kein Geld dafür bezahlt. Außerdem kann ja auch nicht alles auf der Welt sinnvoll sein.
Der Onlinefreak möchte gerade einen Vortrag über die hoch interessanten Diskussion in seinem Lieblingsforum und einigen Newsgroups erzählen, als der Blick des unbedarften Durchschnittsmenschen plötzlich auf die letzten Zeilen der E-Mail fällt. Ein donnerndes „Was ist denn das?" hallt durch den Raum. Der Onlinefreak versucht mit bebender Stimme abzulenken und das Gespräch auf die Lottozahlen der vorletzten Woche zu ziehen. Wie soll er dem unbedarften Durchschnittsmenschen den Sinn einer Signatur erklären? Welchen Sinn hat es überhaupt, wenn man am Ende der Mail ohne Zusammenhang die eigene Hardware und Software auflistet? Wen interessiert das überhaupt? Warum sollte es den Gegenüber überhaupt interessieren, was ich auch meiner Seite habe? Interessiert ihn denn mein Haarspray? Die Marke meines Klopapiers? Mein Lieblingskaugummi? Die momentane Luftfeuchtigkeit im Pipline-Burst-Cache-RAM meines Pentiums? Ist der Gegenüber vielleicht froh, daß er nicht mein fettiges Haar sehen, mir das Klo zeigen, ein Kaugummi leihen oder die Abluft meines Rechners schnuppern muß? Fragen über Fragen... Wie soll der Onlinefreak dem unbedarften Durchschnittsmenschen dies erklären, wenn er es selber nicht versteht...
Aber wer hat jemals gesagt, daß man die Online Welt verstehen kann...?
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© Stefan Plogmann, 1996-2008
